"Dieses Streetwork-Modell leidet unter Sparzwängen - Köln braucht mehr!"
Ratsrede am 17.11.2016
Sehr geehrter Frau Oberbürgermeisterin,
meine Damen und Herren,
die Beschlussvorlage sieht vor, im Bereich der Streetwork im Kölner Stadtgebiet sechs zusätzliche Stellen zu schaffen. Von einem bedarfsgerechten Ausbau kann mit dieser zu geringen Anzahl nach Ansicht der Fraktion DIE LINKE keine Rede sein. Auch hier hat sich die Politik der eisernen Haushaltsdisziplin und der Schuldenbremse leider durchgesetzt, der die Ratsmehrheit nach wie vor folgt. Die Stadt Köln bleibt damit hier, wie in anderen Bereichen, unter ihren Möglichkeiten.
Die soziale Spaltung in Stadteile mit durchschnittlich höheren Lebenschancen und solchen mit geringeren Lebenschancen wird nicht genügend durch präventive Sozialpolitik abgemildert.
Um im Kölner Stadtgebiet fachlich angemessene Streetwork - ich komme im folgenden dazu, dies zu erläutern - leisten zu können, sind wenigstens 14-15 zusätzliche Stellen für Streetwork nötig, nicht nur sechs. Fachliche Standards für Streetwork wurden 2007 von der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit e.V. in einer 7-seitigen Erklärung formuliert. Dort fordert die BAG, dass Streetworker fest und langfristig in einem Sozialraum arbeiten können müssen. Sie müssen nämlich in der Lage sein, in benachteiligten Stadtteilen langfristige Beziehungen zu den dort im öffentlichen Raum sich aufhaltenden Personen, die oft zu Klein- und Gewaltkriminalität tendieren, aufzubauen. Nur dann hat ihr Wort ein Gewicht.
Nur dann können sie erfolgreich versuchen, das Geschehen im öffentlichen Raum positiv für alle zu beeinflussen und Straftaten zu verhindern. Die jetzt vorgesehenen sechs Streetworkerstellen ermöglichen den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern jedoch keine feste sozialräumliche Anbindung. Sie verlangen von ihnen vielmehr kurzfristige Interventionen in verschiedenen Teilen der Stadt, Feuerwehreinsätze, die keine Probleme lösen, sie höchstens verlagern.
Wenn man überlegt, welche benachteiligten Stadtteile, welche "sozialen Brennpunkte" Köln aufweist, wird man schnell merken, dass die vorhandene Zahl der Streetworker nicht ausreicht: Beispielsweise sind Finkenberg, der Kölnberg, Chorweiler, Ostheim, Kalk, Ossendorf oder in der Innenstadt das Domumfeld und der Ring sicherlich Gebiete, in denen Teams von je zwei Streetworker fest angebunden sein sollten. Kommt man auf dieser Einschätzung zu sieben räumlichen Bereichen, an denen ein Bedarf an einem Team von je zwei Streetworkern herrscht - vor Ort fest angebunden -, dann kommt man auf mindestens 14 zusätzliche Stellen, die nötig sind. Die sechs bisherigen Stellen können für kurzfristige Interventionen, für "Feuerwehreinsätze" zur Verfügung stehen, z.B. bei Großevents wie Sylvester oder Karneval. Feuerwehreinsätze machen Sinn, wenn sie eine Ergänzung der sozialräumlichen Streetwork sind - aber nicht als deren Ersetzung.
Den wirklichen Bedarf an sozialräumlich arbeitenden Streetworkern zu ermitteln, ist natürlich eine Prüfaufgabe der Verwaltung, hier in Absprache mit der Polizei. DIE LINKE regt insgesamt die Überarbeitung des städtischen Streetwork-Konzepts an. Das neue Konzept sollte gemeinsam von der Verwaltung und von Streetworkern mit Erfahrung in benachteiligten Stadtteilen diskutiert und erstellt werden. Es sollte eine dem Bedarf entsprechende sozialräumlich arbeitende Streetwork vorsehen.
DIE LINKE ist also vom Erfolg des jetzigen, unter Sparzwängen stehenden Streetwork-Modells nicht überzeugt und fordert hier: Köln braucht mehr! Jedoch werden wir natürlich nicht gegen die Einstellung von sechs zusätzlichen Streetworkern stimmen, sondern der Beschlussvorlage, die wir im Jugendhilfeausschuss nicht verbessern konnten, trotz unserer Kritik zustimmen.

