18. Mai 2017 Hamide Akbayir

"Ein machtvolles Zeichen der Solidarität mit allen Friedensaktivisten in der Türkei: Ihr seid nicht allein!"

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben heute einen Ratsantrag in Form einer Resolution vorliegen, der von allen demokratischen Fraktionen und Gruppen im Rat unterstützt wird. Wir fordern darin die Aufhebung der Ausreisesperre für unseren Kölner Politikwissenschaftler Dr. Sharo Garip, der seit über einem Jahr unsere Partnerstadt Istanbul nicht verlassen darf.

Der einzige Grund dafür ist die Unterzeichnung der Petition "AkademikerInnen für den Frieden", die 2016 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde.

"Aber Meinungsäußerungen, auch einseitige, sind in einer Demokratie nun einmal nicht verboten, zumal in dem Appell nirgends Gewalt verherrlicht oder auch nur gerechtfertigt wird", urteilt die F.A.Z. am 15. April in einem Artikel über Dr. Garip.

Ich kenne Sharo Garip seit mehr als 20 Jahren persönlich. Ich habe ihn als überzeugten Friedensaktivisten kennen gelernt. Er war dankbar dafür, in Deutschland in Frieden leben zu können, in einem demokratischen System, das Menschenrechte achtet. Durch seine Herkunft aus den kurdischen Gebieten in der Türkei und seine familiären Bindungen dorthin war ihm immer klar, dass Demokratie, Frieden und Menschenrechte keine Selbstverständlichkeiten sind und viele Menschen auf der ganzen Welt sich nur danach sehnen können.

Er hätte dieses freie Leben in Deutschland genießen können: An seiner akademischen Karriere arbeiten, seine wissenschaftliche Neugier stillen.

Aber er sieht sich in der Verantwortung, sich auch für Frieden und Menschenrechte anderswo einzusetzen. Er tut das nie ausgrenzend, sondern immer konstruktiv, integrativ und gewaltfrei. Er setzt auf Dialog und Zuhören.

Sharo ist ein humorvoller Mensch, aber auch sehr sensibel, wenn wir uns über die Menschenrechtsverletzungen und Krieg in kurdischen Gebieten unterhielten. Als der Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen Opposition begann, setzte Sharo große Hoffnungen in die Veränderungen in der Türkei. Deshalb nahm er einen Lehrauftrag der Universität in der türkischen Stadt Van an, den er angeboten bekam.

Er unterschrieb den Appell, weil er nicht wegsehen wollte. Zitat: "Wenn in einer Gesellschaft Krieg herrscht, man kann nicht zuschauen. Ich will auch nicht zuschauen. Ich will wenigstens sagen, dass andere Lösungen möglich sind." Eine Petition zu unterschreiben ist für alle, die in Deutschland leben, eine alltägliche Sache. Aber Sharo Garip wird dafür unverhältnismäßig hart bestraft.

Er sitzt zwar (noch) nicht im Gefängnis. Aber ihm wurde die Möglichkeit genommen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Universität in Van hat ihn suspendiert, keine andere stellt ihn ein. Er gibt Privatstunden und kann sich so gerade noch über Wasser halten. Er lebt bei Freunden, die noch zu ihm halten, obwohl die Freundschaft zu ihm auch ihnen schaden könnte. Sein Leben hat angehalten und keiner weiß, wann es weitergehen darf. Und wenn sein Prozess irgendwann beginnt, ist es ziemlich zweifelhaft, dass er fair sein wird.

Sich in die Gesellschaft einmischen, zu Frieden und Gewaltfreiheit aufrufen, Zivilcourage zeigen, dass sind Eigenschaften, die wir in Köln sehr schätzen. Ich erinnere an die großen Demonstrationen und Aktionen gegen Rassismus und Ausgrenzung und für ein friedliches Miteinander: Arsch Huh, Birlikte und die ganzen Demonstrationen gegen rechte Hetze, an denen mehrere zehntausend Kölnerinnen und Kölner teilgenommen haben. Noch viel mehr Menschen sympathisieren mit den Zielen dieser Aktionen.

Deswegen müssen wir Dr. Garip und all die anderen Wissenschaftler unterstützen, indem wir appellieren, sie ausreisen zu lassen und ihnen unsere Solidarität zeigen. Ich habe letzte Woche mit ihm telefoniert. Er hat sich sehr gefreut darüber, dass auch der Rat der Stadt Köln sich für ihn einsetzt. Auch wenn er in einem offenen Gefängnis sitzt, so sagt er, gibt ihm die Solidarität von außen sehr viel Mut weiterzumachen.

Lassen Sie uns gemeinsam die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit des Wortes und das Recht, im Krieg den Frieden zu fordern, verteidigen! Lassen Sie uns ein machtvolles Zeichen der Solidarität mit allen Friedensaktivisten in der Türkei setzen: Ihr seid nicht allein!